Ein nicht sehr kurzer Text über Wiktor Zoj

Vor ein paar Monaten dachte ich, ich schreibe einmal einen kurzen Text über eine faszinierende, rätselhafte Figur der sowjetischen Rockmusik. Über eine Legende, die außerhalb der früheren UdSSR keiner kennt. Sein Name ist Wiktor Zoj. Fragt man aber jemanden, der zwischen Brest und Wladiwostok geboren ist, nach diesem Musiker, insbesondere wenn dieser Mensch so um die 40 Jahre alt ist, so bekommen diese Menschen meist leuchtende Augen. Zoj, der Sänger der Band „Kino“ ist nicht irgendein Rockmusiker. Er gehörte zur Generation der kurzlebigen Rockmusikszene in der UdSSR, die im Grunde nur von 1985 bis 1990 existierte. Und nicht nur war die Musikszene kurzlebig, nicht wenige ihrer Protagonisten waren es ebenfalls. Zoj selbst starb im Jahr 1990 mit achtundzwanzig Jahren bei einem Verkehrsunfall. Er starb, und die UdSSR ging kurz darauf unter. Für viele ist sein Stück „Chotschu Peremen‘“ – „Ich will Veränderung“ die Hymne der Perestrojka-Jahre. Bis heute werden Wiktor Zoj und Kino kultisch verehrt; viele heutige Teenager können die zahlreichen Hits der Band Wort für Wort mitsingen.

Wiktor ZojMir begegnete Zoj zum ersten Mal an einem kalten Winterabend, kurz nachdem K. meine Freundin geworden war. K. wurde in den Achtzigerjahren in der Ukraine geboren. Auf meinen Wunsch hin spielte sie mir an diesem Abend russischsprachige Rockmusik vor, darunter auch Stücke von Kino. In meinem Gedächtnis blieb das Video zum Song „Gruppa Krowi“ („Blutgruppe“). Es handelt sich um die Schlußszene aus dem spätsowjetischen Kultfilm „Die Nadel“ und ist ein großartig inszeniertes Stück Kino. Zoj spielt in dem Film eine Art Geldeintreiber namens Moro. Dieser kommt in die kasachische Hauptstadt Almaty, in der seine Exfreundin Dina lebt. Moro, stets schwarz und nonkonformistisch im New-Wave-Stil gekleidet, versucht Geld von einem Schuldner zu bekommen und gerät bald mit Gestalten aus dem Gangstermilieu aneinander. Zugleich findet er heraus, dass Dina morphiumabhängig ist. Sie arbeitet in einem Sanatorium; ihr Chef, ein krimineller Arzt, gibt ihr die Droge. Moro bemüht sich vergeblich, sie von der Droge wegzubringen, und vernichtet dabei die in ihrer Wohnung gelagerten Vorräte.

Am Ende des Films sehen wir Moro – Zoj – spätabends in einem verschneiten Park stehen. Eine dunkle Gestalt tritt von hinten an ihn heran und fragt nach Feuer. Zoj dreht sich um, die eigene Zigarette hängt unangezündet im Mundwinkel, in seiner Hand brennt das Feuerzeug. Der Fremde kommt näher, sticht blitzschnell zweimal zu. Das Opfer sinkt langsam zu Boden. Ungerührt hält der Angreifer Zojs Hand mit dem brennenden Feuerzeug fest und zündet sich seine Zigarette an. Dann verschwindet er im Dunkel zwischen den Bäumen. Ein treibender Rhythmus mit einem markanten Gitarrenriff setzt ein. Man sieht Zoj langsam in die Knie gehen. Noch immer brennt sein Feuerzeug, noch immer ragt die Zigarette aus seinem Mund. Er schaut auf Blutflecken im Schnee unter ihm. Dann zündet er sich die Zigarette an und steht, leicht schwankend, auf. Langsam entfernt er sich auf dem verschneiten, von Laternen gesäumten Weg. Der Song „Blutgruppe“ untermalt die Szene: „Ein warmes Plätzchen, doch die Straßen warten auf unsere Spur. Auf unseren Stiefeln liegt Sternenstaub…“

Erst Jahre später begann ich, mich mit Kinos Songs und Zojs Texten zu beschäftigen. Dabei wurde ich zum Fan der Poesie Zojs, die sich selbst jemandem erschließt, der sehr schlecht Russisch kann. Die Initialzündung kam mit dem Stück „April“ – wieder eine winterliche Szene, doch die Träume des Sängers handeln hier von der Verheißung des Frühlings:

Doch er [der April] wird kommen und den Frühling mitbringen
Und er wird das Heer grauer Regenwolken vertreiben.
Und wenn wir ihm in die Augen sehen
Wird uns aus seinen Augen die Wehmut ansehen

Wir, K. und ich, hörten das traurige Lied vor ein paar Monaten in unserer Küche. Sie hatte gerade vom viel zu frühen Krebstod eines alten Bekannten aus Kiew erfahren. Ich hatte den Song schon vorher gemocht, aber ich hatte keine Ahnung, worum es ging. Auf meine Bitte hin übersetzte sie mir die wenigen Zeilen.

Und der April stirbt
Und er wird neu geboren
Und dann kommt er für immer…
Und die Türen der Häuser werden aufgehen
Ja, setz dich doch, du brauchst nicht zu stehen.

Letztlich geht es, wie in vielen späten Stücken Zojs, um Transzendenz: Um das Reich Gottes auf Erden, wenn man möchte – aber frei von christlichem Pathos. Zoj deutet das Mysterium von Tod und Wiederauferstehung in christlichen und heidnischen Frühlingsriten nur an. Wie in allen von Zojs besten Texten ist die Sprache des Songs sehr einfach, dennoch gehaltvoll und tief aber nie überfrachtet. Ich war fasziniert und begann, mir weitere Songtexte zu übersetzen.

Mein Lieblingsstück wurde „Spokojnaja Notsch“ („Eine ruhige Nacht“). Der Stil des Stückes ist nicht weit entfernt vom Sound der britischen Band Joy Division, die Zoj verehrte. Es beginnt mit einem rhythmisch geschlagenen Gitarrenriff, mit abgedämpften Saiten. Später nimmt der Bass, der anfänglich ganze Noten spielt, den Gitarrenrhythmus auf. Die Musik baut eine Spannung auf, die der Text fortsetzt. In den Anfangszeilen verdichtet Zoj das Bild der hereinbrechende Nacht über der Stadt zu Zeilen, die aus einem expressionistischen Gedicht stammen könnten:

Die Hausdächer erzittern unter der Last der Tage
Der Himmelshirte hütet die Wolken
Die Stadt schießt ihren Feuerhagel in die Nacht
Aber die Nacht ist stärker, von größerer Macht

Der Sänger wünscht im Weiteren denjenigen eine „Ruhige Nacht“, die sich nach Einbruch der Dunkelheit schlafen legen. Natürlich aber geht es in dem Lied um die anderen: um die, für die Nacht die Zeit ist für Aufbruch und Ausbruch. Offen bleibt allerdings, ob sie den Aufbruch tatsächlich vollziehen. Womöglich bleibt es nur bei der Geste, vielleicht geht es nur um den Traum vom Ausbruch. Den allerdings auszudrücken, in jener Zeit, war schon ein offener Akt der Rebellion: Schließlich schrieb Zoj das Stück in der Sowjetunion, in der nur wenige Jahre zuvor kein öffentlich organisiertes Rockkonzert stattfinden durfte und die Zensur noch galt. Doch auch die Geste allein ist unerhört stark:

Ich habe auf diese Zeit gewartet und jetzt ist sie gekommen
Die, die geschwiegen haben, haben zu schweigen aufgehört.
Die, die auf nichts warten, steigen in den Sattel
Sie sind nicht einzuholen, nicht mehr einzuholen…

Die, die auf nichts warten, machen sich auf den Weg
Die Geretteten, die Geretteten.

Denen, die sich zum Schlafen hinlegen: ruhige Träume.
Eine ruhige Nacht.

Der Weg ist das Ziel, das Sich-Auf-den-Weg-Machen entscheidend. Stagnation bedeutet Verdammnis, der Schlaf ist der Tod, das Warten tötet die Seele. Als Variation nimmt Zoj dieses Thema im Song „Stuk“ („Das Klopfen“) wieder auf. Dort wird der Aufbruch vollzogen und vom Ich des Songs als Unausweichlichkeit geschildert. Es wird von einem Rhythmus animiert, beinahe schon getrieben, der der Welt selbst innewohnt. Dem Sprecher bleibt nichts anderes übrig – er muss los:

Saiten aus Draht, meine Arme stehen unter Strom,
Das Telefon spricht mit allen Stimmen: Bis bald! Es ist Zeit…
Und der Mantel am Haken, der Schal im Ärmel
Und die Handschuhe in den Taschen flüstern:
Gedulde dich bis zum Morgen! – Bis zum Morgen.

Aber das seltsame Klopfen ruft: „Auf die Straße!“
Vielleicht ist es im Herzen, vielleicht ein Klopfen an der Tür.
Und wenn ich mich auf der Schwelle umdrehe
Werde ich bloß ein einziges Wort sagen: Glaub’!

Und wieder zum Bahnhof, und wieder zum Zug
Und wieder verteilt ein Schaffner Tee und Bettwäsche
Und wieder werde ich nicht einschlafen
Und wieder werde ich über dem Geratter der Räder
Ein Wort hören: Lebewohl!

Die amerikanischen Musiker und Beatniks zog es „on the road“. Die Rocker in der UdSSR stiegen in den Nachtzug. Und der Rhythmus der Räder bestätigt dem Ich seinen Glauben an seine Mission. Denn hier spricht die Welt zum Musiker-Ich wie sie zum Taugenichts oder zu einem deutschen Dichter der Romantik gesprochen hat – nicht durch rauschende Brunnen oder Linden, sondern durch Eisenbahnzüge, Telefone und Elektrizität.

Und so wurde also ich auch ein Fan von Kino und Zoj. Während der gemeinsamen Zeit mit K. waren mir diese Namen natürlich immer wieder begegnet. Ich hatte aber nur eine ungefähre Vorstellung davon, dass Wiktor Zoj ein Gigant der russischsprachigen Musikwelt war. Etwa wie Jim Morisson und Elvis Presley in einer Person, umweht von der düster-melancholischen Aura eines Nick Cave oder Ian Curtis. Ich hatte gehört, dass bis heute das Graffito „Zoj schiw“ – „Zoj lebt“ in allen Winkeln der ehemaligen Sowjetunion zu finden ist. Jetzt weiß ich, dass an der Zoj-Gedenkmauer am Arbat in Moskau Fans noch immer Blumen niederlegen und Widmungen hinterlassen. Minderjährige Mädchen tragen in russischen Castingshows Kino-Stücke wie „Kukuschka“ („Der Kuckuck) mit patriotischem Pathos vor; die Videos haben Millionen Klicks auf YouTube. Zwei bekannte russische Filmregisseure haben angekündigt, dass 2018 und 2019 zwei Filme über Wiktor Robertowitsch Zoj erscheinen werden.

Mir war dieser Hype lange ein Rätsel. Soweit ich sie kannte, hatte ich die Musik von Kino immer „ganz okay“ gefunden. Doch nie konnte ich mir wirklich erklären, wie der Mann mit den asiatischen Gesichtszügen – auch wenn er ohne Zweifel Charisma besaß – mit seinen melancholischen Stücken ganze Generationen in seinen Bann schlagen konnte. Aber als es mir gelang, auch nur einen kleinen Blick  in Zojs Welt zu werfen, begann ich zu verstehen: Es ist eine Welt, die bestimmt ist von Kampf und Trauer, von Stagnation und Aufbruch, von Alltag und Transzendenz. Zoj vermochte diese Realität, die Realität eines Landes, einer bestimmten Zeit und eines Staates, das nicht mehr besteht, in starke, universal verständliche Bilder und in eingängige Musikstücke zu bannen.

Es ist nicht einfach, sich dieser Magie zu entziehen, wenn sie einen einmal erfasst hat. Auf meiner Festplatte liegen derzeit mehrere längere, unfertige Texte über Zoj; eigentlich würde ich daraus gerne ein Buch machen. Nicht selten laufen dieser Tage in unserer Küche abends Kinos größte Hits. Den einen oder anderen kann ich sogar schon mitsingen. Wenn K. dann nach Hause kommt und die Musik hört, verdreht sie die Augen und fragt: „Schon wieder? Hast du noch nicht genug davon?“ Sie hat einfach einfach viele Jahre Vorsprung, ich habe noch sehr viel nachzuholen. Aber wir beide wissen genau: „Zoj schiw“ – Zoj lebt.